Postplatz Görlitz – historische Pracht und ein besonderer Brunnen
Der Postplatz gehört zu den markanten und schönsten Plätzen der Görlitzer Innenstadt. Prächtige historische Gebäude umrahmen den Platz und erinnern an die Zeit, in der sich Görlitz zu einer bedeutenden Stadt entwickelte. Zwischen den Fassaden bildet die Muschelminna, ein kunstvoll gestalteter Brunnen aus dem 19. Jahrhundert, einen besonderen Blickfang.
Doch der Postplatz ist mehr als ein schöner Ort zum Fotografieren. Seine Geschichte reicht bis in die Zeit zurück, als hier noch Vieh gehandelt wurde und das Gelände außerhalb der Stadt lag. Mit dem Ausbau der Stadt und dem Bau des Bahnhofs entwickelte sich auch die Umgebung des Platzes weiter. Das historische Postgebäude, das Gerichtsgebäude und der dahinterliegende Gefängniskomplex erzählen von unterschiedlichen Aufgaben und Epochen der Görlitzer Stadtgeschichte.
Wer sich Zeit nimmt und die Architektur genauer betrachtet, entdeckt hier viele interessante Details. Einige davon erzählen nicht nur von der Geschichte der Stadt, sondern sind für mich auch mit persönlichen Erinnerungen an Görlitz verbunden.



Der Postplatz – ein Platz voller Geschichte
Der Postplatz wird von prächtigen historischen Fassaden geprägt, die von der Entwicklung Görlitz’ im 19. Jahrhundert erzählen. Zwischen den Gebäuden fällt der Blick auf die Muschelminna, den bekannten Brunnen in der Mitte des Platzes, der seit seiner Einweihung im Jahr 1887 zu den Wahrzeichen der Stadt gehört.
Doch auch die Gebäude ringsum sind einen genaueren Blick wert. Das historische Postgebäude und das gegenüberliegende Gerichtsgebäude mit dem dahinterliegenden Gefängniskomplex erinnern an die unterschiedlichen Aufgaben, die dieser Platz im Laufe seiner Geschichte erfüllt hat.
Das Victoria-Hotel und das große Geschäftshaus

Die Nordseite des Postplatzes erhielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein völlig neues Gesicht. Der Görlitzer Kaufmann Eduard Schultze erwarb 1863 das Gelände des ehemaligen Frauenspitals und ließ dort ein außergewöhnlich großes Gebäude errichten. Zwischen 1864 und 1867 entstand der spätklassizistische Bau, der 1868 fertiggestellt wurde.
Im Mittelteil eröffnete das Victoria-Hotel. In den Erdgeschossbereichen links und rechts davon zogen Einzelhändler ein; auch das Wiener Café gehörte zu den frühen Nutzern des Gebäudes. Mit seiner repräsentativen Fassade wurde der Neubau zu einem markanten Bestandteil des Postplatzes.
Allerdings hatte die großzügige Bebauung auch Folgen für den Verkehr. Das Gebäude versperrte die direkte Sicht- und Verkehrsachse vom Bahnhof über die Berliner Straße in Richtung Marienplatz. Die dadurch notwendigen engeren Kurven und das Nadelöhr an der Frauenkirche wurden später wiederholt kritisiert.



Das historische Postgebäude – Namensgeber des Platzes
Seinen Namen verdankt der Postplatz dem historischen Postgebäude an seiner Ostseite. Zwischen 1851 und 1855 wurde hier das erste große Postamt errichtet. Es nahm ein beträchtliches Areal ein; besonders auffällig war der große, halbrund ummauerte Hof hinter dem Gebäude.
Dieser Hof hatte eine wichtige praktische Funktion: Er diente als Einfahrt für die Postkutschen und als Wagenpark. In einer Zeit, in der Briefe und Waren noch mit Pferdegespannen transportiert wurden, war eine solche Anlage für den Postbetrieb unverzichtbar.
Das erste Postgebäude bestand nur wenige Jahrzehnte. Mit dem wachsenden Postverkehr stieg auch der Platzbedarf. Deshalb wurde ein Neubau errichtet, dessen Bau 1887 begann und der 1889 fertiggestellt wurde. Das repräsentative Gebäude unterstrich die zunehmende Bedeutung Görlitz’ als Verkehrs- und Handelsstadt im 19. Jahrhundert.
Die Muschelminna – ein Wahrzeichen von Görlitz

Im Mittelpunkt des Postplatzes steht der Toberentzbrunnen, den die Görlitzer liebevoll Muschelminna nennen. Der Brunnen wurde vom Bildhauer Robert Toberentz entworfen und am 12. November 1887 eingeweiht. Mit seiner kunstvollen Gestaltung gehört er bis heute zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt.
Hoch über dem Brunnenbecken erhebt sich die Bronzefigur einer Frau, die eine große Muschel über dem Kopf hält. Darunter befinden sich vier überlebensgroße Figuren aus Marmor: ein Jäger, ein Fischer, eine Nixe und eine Nymphe. Gemeinsam bilden sie ein aufwendig gestaltetes Ensemble, das den Brunnen zu einem besonderen Kunstwerk macht.
Doch die Muschelminna hat auch eine traurige Geschichte. Die ursprüngliche Bronzefigur wurde im Juli 1942 während des Zweiten Weltkriegs abgebaut und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen.
Viele Görlitzer mussten sich danach jahrzehntelang mit einem Brunnen ohne seine berühmte Figur begnügen. Zeitweise krönte eine marmorne Schale den Sockel. Die Sehnsucht nach der vertrauten Muschelminna blieb jedoch bestehen. 1987 erhielt der Dresdner Bildhauer Friedemann Klos den Auftrag, anhand historischer Vorlagen ein neues Modell anzufertigen. Die neue Bronzefigur wurde in der Kunstgießerei Lauchhammer gegossen und am 1. Mai 1994 feierlich wieder aufgestellt. Seitdem steht die Muschelminna wieder an ihrem angestammten Platz. Sie ist nicht nur ein beliebtes Fotomotiv, sondern auch ein Symbol für die Verbundenheit der Görlitzer mit ihrer Stadt.
Das Gerichtsgefängnis – über 160 Jahre Geschichte
Hinter dem Landgericht am Postplatz befindet sich das historische Gefängnis von Görlitz. Zwischen 1863 und 1865 wurde es als königliches Gerichtsgefängnis errichtet. Seitdem ist der Gebäudekomplex eng mit der Görlitzer Justizgeschichte verbunden.
Der Umbau nach amerikanischem Vorbild
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Gefängnis erheblich erweitert. Zwischen 1905 und 1909 entstand ein kreuzförmiger Anbau nach amerikanischem Vorbild. Das zuvor rechtwinklig angelegte Gebäude erhielt dadurch weitere Haftflügel und weitgehend seine heutige Gestalt. Im Zuge der Erweiterung wurden auch zusätzliche Räume geschaffen, darunter ein Saal für die Gefängniskirche.
Das Gefängnis während der DDR-Zeit
Auch während der DDR-Zeit blieb das Gefängnis am Postplatz in Betrieb. Der Strafvollzug war damals dem Ministerium des Innern unterstellt. Die Einrichtung diente sowohl dem Strafvollzug als auch der Untersuchungshaft.
Die Geschichte des DDR-Strafvollzugs ist eng mit politischer Verfolgung verbunden. Menschen wurden auch wegen ihrer politischen Haltung oder wegen Handlungen inhaftiert, die das SED-Regime als staatsfeindlich betrachtete. Am 17. Juni 1953 wurde das Gefängnis während des Volksaufstands besetzt; dabei wurden die Gefangenen befreit. Dieses Ereignis ist ein bedeutendes Kapitel der Görlitzer Stadtgeschichte.
Eine bautechnische Besonderheit hinter den Mauern
Hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt verbirgt sich eine überraschende Entdeckung: ein historischer Brunnen, der bei Bauarbeiten im Gefängnishof wieder zum Vorschein kam. Als der Hof erneuert und neue Leitungen verlegt wurden, wurde auch der Brunnenkopf freigelegt.
Die anschließende Vermessung ergab eine Tiefe von 10,50 Metern. Bei einer Messung am 10. Juli 2006 stand das Wasser noch 4,50 Meter hoch. Bemerkenswert ist die Bauweise des Brunnens: Seine Wände bestehen aus Ziegelsteinen, die ohne Mörtel trocken auf- und aneinandergelegt wurden. Dadurch kann Feuchtigkeit aus dem felsigen Untergrund zirkulieren.
Der Brunnen ist eine historische und bautechnische Besonderheit. Nach Angaben der sächsischen Justizgeschichte gibt es in keiner anderen Justizvollzugsanstalt des Freistaates einen vergleichbaren Brunnen innerhalb der Gefängnismauern.
Meine Erinnerungen an die Nachbarschaft
Von 1975 bis 1978 wohnten wir in einer Parallelstraße zum Gefängnis. Von unserem Hof aus konnten wir über die Hinterhausfront der Straße direkt auf den Gefängnistrakt und teilweise auch in den Gefängnishof schauen.
Besonders abends hörten wir manchmal die Insassen, die sich durch die geöffneten Fenster miteinander unterhielten. Ihre Stimmen waren bis zu uns herüber zu hören. So gehörte das Gefängnis ganz selbstverständlich zu unserer damaligen Umgebung.
Über die unmittelbare Nachbarschaft mussten wir auch schmunzeln: Gleich neben dem Gerichtsgebäude und dem Gefängnis befand sich die Bank. Gericht, Gefängnis und Bank – drei Gebäude mit ganz unterschiedlichen Aufgaben direkt nebeneinander. Das fanden wir damals ziemlich amüsant.
Ein Platz voller Görlitzer Geschichte
Der Postplatz zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig die Geschichte von Görlitz ist. Die prachtvollen Gründerzeitfassaden, das historische Postgebäude, der Gerichts- und Gefängniskomplex und natürlich die Muschelminna erzählen von unterschiedlichen Zeiten und Aufgaben.
Wer über den Platz spaziert, sollte nicht nur einen Blick auf den berühmten Brunnen werfen, sondern auch die Gebäude ringsum genauer betrachten. Hinter ihren Fassaden verbergen sich viele Geschichten, die den besonderen Charakter der Stadt ausmachen.
Für uns ist Görlitz eine Stadt mit vielen Erinnerungen und immer wieder neuen Entdeckungen. Der Postplatz ist ein Ort, an dem sich beides auf schöne Weise verbindet.
Weitere Informationen zum Postplatz und seinen historischen Gebäuden findest du auf der Website des Kulturraums Oberlausitz-Niederschlesien.
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