Der Obermarkt gehört zu den bedeutenden historischen Plätzen von Görlitz. Mit einer Ost-West-Ausdehnung von rund 250 Metern bildet er einen weiten, von historischen Wohn- und Geschäftshäusern umgebenen Platz am Übergang zwischen der Altstadt und der Innenstadt.

Angelegt wurde der Obermarkt um 1250 im Zuge einer Erweiterung der Stadt. Über Jahrhunderte hinweg war er vor allem ein wichtiger Handelsplatz für Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Umland. Wie lebhaft es hier einst zuging, zeigt eine überlieferte Zahl: Am 19. Juli 1804 sollen sich 754 voll beladene Getreidewagen auf dem Platz gedrängt haben.

Der Obermarkt liegt an der historischen Via Regia, einer bedeutenden Handelsstraße, die Görlitz mit anderen Handelszentren Europas verband. Seine Lage trug dazu bei, dass sich hier Handel und städtisches Leben entwickelten.

Noch heute prägen Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten das Bild des Platzes. Zu den markanten Bauwerken in seiner Umgebung gehören der Reichenbacher Turm und der Kaisertrutz am westlichen Zugang sowie die Dreifaltigkeitskirche und der Georgsbrunnen im östlichen Bereich. Die historischen Fassaden erzählen von der wechselvollen Entwicklung der Stadt und machen den Obermarkt zu einem lohnenden Ziel bei einem Rundgang durch Görlitz.

Der historische Georgsbrunnen am Obermarkt mit seiner kunstvollen Säule und der ritterlichen Figur an der Spitze.

Am östlichen Ende des Obermarktes, am Übergang zur Brüderstraße, steht der Georgsbrunnen. Mit seiner kunstvollen Säule und der Figur an der Spitze ist er ein besonderer Blickfang auf diesem historischen Platz.

Der Brunnen entstand um 1590 und diente ursprünglich sowohl der Wasserversorgung als auch der Verschönerung des Platzes. Vier Wasserspeier schmücken die Säule. Darüber erhebt sich eine ritterliche Figur, die in der rechten Hand eine Fahne hält und sich mit der linken auf ein Wappenschild stützt. Neben ihr sitzt ein kleiner Löwe.

Ob die Figur tatsächlich den heiligen Georg oder einen Görlitzer Stadtknecht beziehungsweise Herold darstellt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Deshalb wird der Brunnen auch als Heroldbrunnen bezeichnet.

Im Laufe seiner Geschichte wechselte der Brunnen mehrfach seinen Standort. Im Jahr 1856 wurde er vom Obermarkt entfernt. Erst im Jahr 2000 kehrte er an seinen heutigen Standort am Übergang zur Brüderstraße zurück.

Die Figur, die wir heute auf dem Brunnen sehen, ist eine Nachbildung. Das Original wird im Kulturhistorischen Museum in der Neißstraße 30 aufbewahrt. Der Georgsbrunnen verbindet damit die Geschichte der Görlitzer Wasserversorgung mit der Kunst und dem historischen Stadtbild.

Das prächtige Napoleonhaus am Obermarkt 29 mit seiner reich verzierten Barockfassade und dem markanten Balkon.

Besonders ins Auge fällt das Napoleonhaus am Obermarkt 29. Mit seiner prachtvollen rot-weißen Barockfassade, dem reichen Figurenschmuck und dem geschwungenen Balkon über dem Eingang zieht es sofort die Blicke auf sich.

Errichtet wurde das Haus im Jahr 1718 vom Berliner Kaufmann Johann Wilhelm Schaumburg. Besonders ungewöhnlich für ein Bürgerhaus jener Zeit ist der Balkon, der von Säulen getragen wird und die Mitte der Fassade betont.

Seinen Namen verdankt das Gebäude dem französischen Kaiser Napoleon Bonaparte. Am 20. August 1813 soll er von diesem Balkon aus eine Truppenparade auf dem Obermarkt abgenommen haben. Napoleon hielt sich während seiner Feldzüge mehrfach in Görlitz auf. Das Haus erinnert damit an eine bewegte Zeit, in der die Stadt unmittelbar von den Napoleonischen Kriegen berührt wurde.

Heute gehört das Napoleonhaus zu den markantesten historischen Gebäuden am Obermarkt. Seine aufwendig verzierte Fassade erzählt von der Baukunst des Barock und von einem besonderen Kapitel der Görlitzer Geschichte.

Das markante Wohn- und Geschäftshaus Obermarkt 1 und 2 an der Ecke zum Klosterplatz, direkt neben der Dreifaltigkeitskirche.

Direkt neben der Dreifaltigkeitskirche steht an der Ecke zum Klosterplatz das markante Wohn- und Geschäftshaus Obermarkt 1 und 2. Seine einheitlich gestaltete Fassade lässt kaum vermuten, dass sich dahinter eine wechselvolle Baugeschichte verbirgt.

An dieser Stelle stand ursprünglich ein barockes Eckhaus, das der Sattler Michael Ulrich im Jahr 1722 errichten ließ. Ende des 19. Jahrhunderts gehörte es dem Görlitzer Tuchmacher Max Finster. 1898 erwarb er auch das benachbarte Haus Obermarkt 2 und ließ beide Gebäude abreißen.

Auf dem vergrößerten Grundstück entstand bis 1900 ein neues Wohn- und Geschäftshaus. Die reich gegliederte Fassade, die großen Fenster und der markante Eckerker prägen bis heute das Erscheinungsbild des Gebäudes.

Im Laufe seiner Geschichte wurde es unter anderem als Kaufhaus genutzt. Heute befindet sich hier eine Geschäftsstelle der AOK PLUS. Eine besondere Überraschung verbirgt sich unter dem Neubau: Die weitläufigen Gewölbekeller aus dem Mittelalter blieben beim Abriss der alten Häuser erhalten. Sie erinnern an die lange Geschichte des Obermarktes, der bereits um 1250 angelegt wurde.

So verbindet das Gebäude mehrere Jahrhunderte Görlitzer Stadtgeschichte – von den mittelalterlichen Kellern über das barocke Vorgängerhaus bis zum repräsentativen Geschäftshaus um 1900.

Das Relief am Haus Obermarkt 15 erinnert an eine der bekanntesten Görlitzer Sagen rund um den Schmied Vollprecht und seinen geheimnisvollen Gesellen.

Relief zur Sage vom Nachtschmied am Haus Obermarkt 15 in Görlitz. Foto: Südstädter, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Am nordwestlichen Winkel des Obermarktes, zwischen den historischen Häusern, spielt eine der bekanntesten Görlitzer Sagen: die Geschichte vom Nachtschmied. An der Häuserwand erinnert ein kunstvolles Relief an die unheimliche Erzählung, die von Hochmut, Habgier und einem verhängnisvollen Pakt mit dem Teufel handelt.

Norbert hat mir diese Sage immer wieder erzählt. Deshalb ist sie für mich mehr als eine alte Geschichte aus Görlitz – sie gehört auch zu den Erinnerungen, die ich mit ihm verbinde.

Vor langer Zeit lebte am Obermarkt ein Huf- und Waffenschmied namens Vollprecht. Er war ein geschickter Handwerker, doch mit den Jahren wurde er immer träger und hochmütiger. Statt selbst fleißig zu arbeiten, wollte er lieber schnell zu Reichtum kommen.

Eines Tages stellte er einen fremden Gesellen ein. Der Mann hatte feuerrotes Haar, war auf einem Auge blind und hinkte auf einem Fuß. Doch obwohl er so ungewöhnlich aussah, besaß er eine erstaunliche Kraft und verstand sein Handwerk wie kein anderer. In kürzester Zeit fertigte er Schmiedearbeiten, für die ein gewöhnlicher Handwerker viel länger gebraucht hätte.

Bald ahnte Meister Vollprecht, wen er sich da in die Werkstatt geholt hatte: den Teufel höchstpersönlich. Doch anstatt den unheimlichen Gesellen fortzuschicken, nutzte er dessen Fähigkeiten aus. Die guten Geschäfte gefielen ihm nur allzu sehr.

Schließlich ließ sich Vollprecht auf eine verhängnisvolle Wette ein. Sein geheimnisvoller Geselle sollte innerhalb einer einzigen Nacht ein kunstvolles eisernes Fenstergitter fertigstellen. Gelinge ihm das, wäre Vollprechts Seele verloren.

In der Schmiede loderte das Feuer, und der Hammer des Gesellen schlug unermüdlich auf das glühende Eisen. Die Zeit verging, und das Gitter nahm immer deutlichere Formen an. Als die Mitternacht näher rückte, schien der Teufel sein Werk tatsächlich rechtzeitig vollenden zu können.

Doch im entscheidenden Augenblick fehlte noch ein kleines Stück. Als der letzte Glockenschlag ertönte und das Gitter fertiggestellt werden sollte, zerbrach das Eisen unter dem Hammer. Der Teufel hatte die Wette verloren – und Vollprecht war seine Seele zunächst los.

Gerettet war der Meister damit jedoch nicht. Der Sage nach wurde er für seinen Hochmut und seinen Pakt mit den dunklen Mächten dazu verdammt, als Nachtschmied bis zum jüngsten Tag weiterzuarbeiten. Noch immer, so erzählt man, soll man in stillen Nächten das dumpfe Schlagen eines Hammers hören können.

Auch das eiserne Gitter gehört zur Überlieferung: Es soll sich am Nikolaifriedhof in Görlitz befinden. So verbindet die Sage zwei historische Orte der Stadt miteinander.

Wer heute über den Obermarkt spaziert und das Relief an der Häuserwand entdeckt, kann sich leicht vorstellen, wie sich die Geschichte in einer dunklen Nacht zugetragen haben könnte. Und wenn Norbert mir diese Sage erzählte, bekam der alte Platz für mich noch eine zusätzliche Bedeutung – denn manchmal sind es gerade solche überlieferten Geschichten, die einen Ort unvergesslich machen.

Am westlichen Ende des Obermarktes erhebt sich der Reichenbacher Turm. Mit seinen 51 Metern ist er der höchste der drei erhaltenen Tortürme der Görlitzer Stadtbefestigung. Gemeinsam mit dem benachbarten Kaisertrutz sicherte er einst den westlichen Zugang zur Stadt.

Der 51 Meter hohe Reichenbacher Turm ist ein markantes Wahrzeichen von Görlitz und ein bedeutender Rest der mittelalterlichen Stadtbefestigung.

Der Ursprung des Turms reicht bis ins Mittelalter zurück. Sein quadratischer Unterbau stammt vermutlich aus der Zeit der Stadtbefestigung; urkundlich erwähnt wurde er erstmals im Jahr 1376. Ursprünglich war er ein niedriger Torturm, der in die Stadtmauer integriert war.

Im späten 15. Jahrhundert wurde der Turm erheblich erhöht und erhielt seine markante Gestalt mit dem runden Oberteil und dem achteckigen Wehrgang. Über dem Wehrgang ragte zunächst eine gotische Spitze aus Holz auf. Diese wurde 1782 durch die bis heute prägende Barockhaube ersetzt.

Auch der spitzbogige Durchgang im Erdgeschoss ist jünger, als man vermuten könnte: Er wurde erst 1869 geschaffen, nachdem Teile der alten Toranlage abgetragen worden waren.

Der Reichenbacher Turm war Teil des Reichenbacher Tores. Nachdem der Kaisertrutz als mächtige Rundbastei entstanden war, verband man beide Verteidigungsanlagen ab 1521 durch zwei hohe Schildmauern miteinander. So konnten Angreifer, die sich dem Stadttor näherten, von mehreren Seiten unter Beschuss genommen werden.

Die Mauern blieben bis ins 19. Jahrhundert bestehen und wurden im Zuge der Modernisierung der Stadt abgetragen. Heute erinnern der Reichenbacher Turm und der Kaisertrutz gemeinsam an die einst mächtigen Befestigungsanlagen von Görlitz.

Wer den Turm genauer betrachtet, entdeckt im unteren Bereich der Fassade zwölf farbige Wappenschilder. Sie wurden nicht einfach zur Verschönerung angebracht, sondern haben einen ganz praktischen Hintergrund.

Bei Sanierungsarbeiten im Jahr 1936 wurden acht massive Stahlanker in das Mauerwerk eingezogen, um den Turm zu stabilisieren. Der Görlitzer Maler Arno Henschel gestaltete anschließend zwölf farbige Wappen, hinter denen die Verankerungen verborgen wurden.

Die oberen sechs Wappen stehen für Länder und Herrschaftsgebiete, zu denen Görlitz im Laufe seiner Geschichte gehörte. Die unteren sechs zeigen die Städte des Oberlausitzer Sechsstädtebundes: Görlitz, Bautzen, Zittau, Löbau, Kamenz und Lauban.

Bis 1904 lebten und arbeiteten Türmer im Reichenbacher Turm. Ihre Aufgabe war wichtig für die Sicherheit der Stadt: Sie hielten Ausschau nach Bränden, hielten Feuerwache und läuteten die Glocke. So hatten sie einen guten Überblick über die Dächer und Straßen von Görlitz.

Seit 1953 dient der Turm als Ausstellungsgebäude der Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur. Im Inneren erfahren Besucher mehr über die mittelalterliche Stadtbefestigung, die Görlitzer Stadtsoldaten und das Leben der Türmer.

Wer die 165 Stufen bis nach oben erklimmt, wird mit einem weiten Rundblick über die Stadt belohnt. Bei guter Sicht reicht der Blick sogar bis zum Riesengebirge. Der Reichenbacher Turm ist damit nicht nur ein eindrucksvolles Zeugnis der Stadtgeschichte, sondern auch ein besonderer Aussichtspunkt mitten in Görlitz.

Nach einem Rundgang durch die Geschichte des Obermarktes lädt ein gemütliches Café zu einer entspannten Pause ein.

Nach so viel Geschichte, beeindruckenden Bauwerken und spannenden Geschichten ist es Zeit für eine kleine Pause. Bei einer Tasse Kaffee lässt sich das Erlebte in Ruhe Revue passieren. Vielleicht denkt man noch einmal an den alten Reichenbacher Turm, den prächtigen Georgsbrunnen oder die Sage vom Nachtschmied zurück. Der Obermarkt hat viel zu erzählen – und manchmal entdeckt man seine schönsten Seiten gerade dann, wenn man sich einen Moment Zeit nimmt und einfach die besondere Atmosphäre dieses historischen Platzes genießt.

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