Der Nikolaizwinger in Görlitz – von der Stadtbefestigung zur grünen Oase
Wer durch die Görlitzer Altstadt schlendert, läuft leicht an ihm vorbei. Der Eingang zum Nikolaizwinger verbirgt sich hinter einem unscheinbaren, kunstvoll gearbeiteten Eisentor, direkt gegenüber dem wuchtigen Nikolaiturm. Sobald man hindurchgeht, lässt man das Kopfsteinpflaster hinter sich und steht plötzlich in einer grünen Oase.
Hier, zwischen den alten Befestigungsmauern, verbindet sich Görlitzer Stadtgeschichte mit einer überraschend ruhigen Gartenlandschaft. Wo einst die Stadtbefestigung verlief, laden heute geschwungene Wege, Bäume, Beete und kleine Plätze zum Spazierengehen und Verweilen ein. Der Nikolaizwinger zeigt, wie aus einem Teil der mittelalterlichen Wehranlagen ein grüner Erholungsraum mitten in der Altstadt geworden ist.
Einige Eindrücke von diesem besonderen Ort zeigen wir in den folgenden Bildern.



Der Nikolaizwinger – Bürgerengagement in den 1950er-Jahren
Dass sich zwischen den historischen Stadtmauern heute eine so schöne Gartenanlage befindet, verdanken die Görlitzer auch dem Engagement ihrer Bürger. Die heutige Gestaltung entstand 1953 und 1954 nach den Plänen des damaligen Gartenbaudirektors Henry Kraft. Im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks (NAW) halfen Einwohner in freiwilligen Arbeitsstunden mit. Auch zahlreiche Görlitzer Betriebe unterstützten das Vorhaben.
Am 7. Oktober 1954 wurde die erste öffentliche Grünanlage im Nikolaizwinger den Görlitzern übergeben. Aus einem Teil der alten Befestigungsanlagen war ein Ort der Erholung geworden. Die historische Stadtmauer blieb dabei ein prägendes Element der Anlage.
In den 1990er-Jahren wurde der Nikolaizwinger im Zuge der Sanierung der Stadtmauer erneut umgestaltet. Dabei griff man die historischen Strukturen auf und ergänzte sie durch zeitgemäße Gestaltungselemente.



Ein Blick hinunter in die Hotherstraße

Von einem erhöhten Standpunkt im Nikolaizwinger fällt der Blick auf die dicht aneinandergereihten Häuser der Hotherstraße. Rote Ziegeldächer, helle Fassaden und kleine Innenhöfe prägen das Bild dieses verwinkelten Altstadtviertels.
Die Hotherstraße zählt zu den historischen Straßen von Görlitz. Ihr Name geht vermutlich auf das niederländische Wort „hoter“ zurück, das Gerber oder Häuter bedeutet. Schon im Mittelalter ließen sich hier Handwerker nieder, darunter Gerber und Färber, die für ihre Arbeit die Nähe zum Wasser benötigten. Die Neiße war für diese Gewerbe besonders wichtig.
Beim Blick auf die Häuser lässt sich heute kaum noch erahnen, wie stark der Alltag der Menschen früher von den geruchsintensiven Handwerken geprägt war. Gerade solche kleinen Einblicke machen den Spaziergang durch den Nikolaizwinger so interessant.
Vom Herrschaftssitz zum Studentenwohnheim
Die Geschichte des Vogtshofs reicht bis ins Mittelalter zurück. Schon vor der Entstehung der Stadt befand sich an dieser strategisch wichtigen Stelle über der Neiße eine Burg, die den Übergang über den Fluss an der Handelsstraße Via Regia schützen sollte. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich der Vogtshof zum Sitz des Landvogts und weiterer landesherrlicher Beamter. Daher stammt auch sein Name.
Ein großer Stadtbrand zerstörte den Vogtshof am 30. April 1456. Erst 1567 erhielt die Stadt das unbewohnte Gelände zurück. Sie ließ dort unter anderem ein Getreide- und Schütthaus errichten, in dem auch Gerichts- und Verwaltungsräume untergebracht waren.
Im frühen 19. Jahrhundert begann ein neuer Abschnitt seiner Geschichte. Die Oberlausitzer Landstände planten auf dem Gelände ein Zucht- und Arbeitshaus. Nach Verzögerungen übernahm 1826 die preußische Regierung das Grundstück samt dem begonnenen Bau und stellte die Strafanstalt 1830 fertig. Der Gebäudekomplex wurde zeitweise auch als Garnisonskaserne genutzt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg diente der Vogtshof verschiedenen Zwecken. Weil über Jahrzehnte kaum größere Erhaltungsarbeiten durchgeführt wurden, verfiel das Gebäude zunehmend. Ende der 1960er-Jahre wurde sogar ein Abriss erwogen. Schließlich entschied man sich, den historischen Komplex zu erhalten und in ein Studentenwohnheim umzubauen. Ab 1975 zogen die ersten Studierenden ein. Zwischen 1994 und 2000 wurde der Vogtshof umfassend saniert.
Heute wird das Gebäude vom Studentenwerk Dresden als Studentenwohnheim genutzt. So ist aus einem Ort, der einst mit Herrschaft, Verwaltung, Militär und Strafvollzug verbunden war, ein Zuhause für Studierende der Hochschule Zittau/Görlitz geworden.



Ausblicke auf die Altstadt und die Neiße
Der Nikolaizwinger bietet nicht nur stille Gartenwege und historische Mauern. An verschiedenen Stellen öffnen sich Ausblicke auf die Dächer der Görlitzer Altstadt und hinunter zur Neiße. Von oben erkennt man die dicht stehenden Häuser, ihre roten Ziegeldächer und die verwinkelten Gassen, die das historische Stadtbild prägen.
Besonders schön ist der Blick auf den Fluss und die Uferbereiche. Die Neiße bildet hier die Grenze zu Polen, und auf der anderen Seite liegt die Schwesterstadt Zgorzelec. So wird bei einem Spaziergang durch den Nikolaizwinger auch die besondere Lage von Görlitz unmittelbar sichtbar: eine Stadt, deren Geschichte und Alltag eng mit dem Fluss und ihrem polnischen Nachbarn verbunden sind.






Ein besonderer Ort zum Entdecken und Verweilen
Der Nikolaizwinger ist ein Ort, an dem sich die Geschichte von Görlitz auf besondere Weise erleben lässt. Zwischen den alten Befestigungsmauern laden gepflegte Gartenwege zum Spazierengehen ein, während sich immer wieder schöne Ausblicke auf die Altstadt, die Neiße und das gegenüberliegende Zgorzelec eröffnen.
Kaum zu glauben, dass diese grüne Oase einst Teil der Stadtbefestigung war und ihre heutige Gestalt dem Engagement der Görlitzer Bürger verdankt. Wer sich ein wenig Zeit nimmt und durch die Anlage schlendert, entdeckt nicht nur historische Mauern und verwinkelte Wege, sondern auch Geschichten aus längst vergangenen Zeiten.
Für mich ist der Nikolaizwinger ein schöner Ort, um Görlitz einmal von einer anderen Seite kennenzulernen – abseits der belebten Straßen und doch mitten in der Geschichte dieser faszinierenden Stadt.
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