Wer durch die historische Altstadt von Görlitz spaziert, sollte sich unbedingt Zeit für den Untermarkt nehmen. Hier zeigt sich die Stadt von einer ihrer schönsten Seiten: prächtige Bürgerhäuser, kunstvoll gestaltete Fassaden, historische Arkaden und das imposante Rathaus prägen das Bild dieses besonderen Platzes.

Schon beim ersten Blick fällt auf, wie vielfältig die Architektur ist. Neben farbenfrohen Renaissancehäusern stehen elegante Barockfassaden, und hinter manchen unscheinbaren Durchgängen verbergen sich kleine architektonische Kostbarkeiten. Überall gibt es etwas zu entdecken – von kunstvollen Erkern und verzierten Portalen bis zu historischen Uhren und steinernen Figuren.

Bunte historische Bürgerhäuser am Untermarkt in Görlitz mit kunstvoll gestalteter gelber Renaissancefassade, blumengeschmückten Balkonen und Straßencafés unter bunten Sonnenschirmen.

Heute laden Cafés und Restaurants dazu ein, eine Pause einzulegen und die besondere Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Wer den Blick über die Fassaden schweifen lässt, entdeckt immer wieder neue Details. Es lohnt sich deshalb, nicht nur einmal über den Platz zu gehen, sondern auch stehen zu bleiben und genauer hinzusehen.

Der Untermarkt erzählt von der Zeit, als Görlitz durch Handel und Handwerk zu Wohlstand gelangte. Kaufleute ließen repräsentative Häuser errichten, Waren wurden gehandelt, und der Platz entwickelte sich zu einem wichtigen Mittelpunkt des städtischen Lebens. Vieles von diesem historischen Reichtum ist bis heute sichtbar.

Bei unserem Rundgang schauen wir uns die schönsten und interessantesten Sehenswürdigkeiten des Untermarkts genauer an – vom markanten Rathausturm über die Alte Waage und den Schönhof bis hin zu den Arkaden und dem geheimnisvollen Flüsterbogen.

Das Rathaus prägt die Westseite des Untermarkts und gehört zu den eindrucksvollsten Gebäuden der Görlitzer Altstadt. Der Gebäudekomplex ist über viele Jahrhunderte gewachsen und vereint unterschiedliche Baustile. Besonders ins Auge fällt der hohe Rathausturm, der schon von Weitem zu sehen ist. Der älteste Teil des Turms wurde bereits 1378 erwähnt. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde er deutlich erhöht und erhielt später seine berühmten Uhren.

Am meisten fasziniert hat mich die historische Uhr mit ihren zwei übereinanderliegenden Zifferblättern. Die obere Uhr zeigt nicht einfach nur die Zeit an: Sie ist eine astronomische Uhr, die auch Informationen über den Mond vermittelt. Die untere Uhr besitzt ein gewöhnliches Stundenblatt mit römischen Ziffern – und in ihrer Mitte sitzt ein ganz besonderer Wächterkopf.

Um diesen Kopf rankt sich eine alte Sage. Er soll an einen Stadtwächter erinnern, der einst den Stadtbrand verschlafen haben soll. Heute sorgt er für ein kleines Schauspiel: In regelmäßigen Abständen bewegt er Augen und Mund. Als ich selbst davorstand, konnte ich beobachten, wie der Kopf seinen Mund öffnete und sein goldener Zahn aufblitzte. Ein ungewöhnlicher Anblick, den man bei einem Besuch des Untermarkts nicht verpassen sollte!

Die kunstvollen Zifferblätter sind übrigens schon für sich sehenswert. Goldene Verzierungen, farbige Ringe und die aufwendige Gestaltung machen die Uhren zu einem echten Schmuckstück des Rathauses.

Nicht weniger beeindruckend ist die historische Rathaustreppe. Ihre geschwungenen Läufe, die reich verzierten steinernen Geländer und das kunstvolle Portal zeigen, wie viel Wert man einst auf repräsentative Architektur legte. Am Treppenaufgang steht die Justitia als Sinnbild der Gerechtigkeit – ein Hinweis auf die frühere Bedeutung des Rathauses als Ort städtischer Rechtsprechung.

Wer den Untermarkt besucht, sollte sich deshalb nicht nur den Rathausturm ansehen, sondern auch ein paar Schritte näher an die Treppe herantreten. Erst aus der Nähe lassen sich die vielen Ornamente, Figuren und Steinmetzarbeiten richtig würdigen.

Mitten auf dem Untermarkt fällt ein ungewöhnliches Gebäude ins Auge: die Alte Waage. Ihre helle Fassade mit den dunklen Querbändern unterscheidet sie deutlich von den prachtvoll sanierten Bürgerhäusern ringsum.

Das Gebäude erinnert an die Zeit, als Görlitz eine bedeutende Handelsstadt war. Bereits 1453 stand hier ein erster Bau. Um 1600 wurde er zu dem viergeschossigen Renaissancegebäude erweitert, das wir heute sehen. In der Waage wurden die Waren gewogen, erfasst und besteuert, die Händler nach Görlitz brachten. Damit spielte sie eine wichtige Rolle im Handelsleben der Stadt.

Historische Alte Waage am Untermarkt in Görlitz mit heller Fassade und dunklen Querbändern, flankiert von farbenfrohen Bürgerhäusern und Straßencafés auf dem Kopfsteinpflaster.

Während viele historische Häuser am Untermarkt aufwendig saniert wurden, blieb die Alte Waage über lange Zeit weitgehend ungenutzt. Die besondere Raumaufteilung und die große historische Waagehalle machen es schwierig, eine passende neue Verwendung zu finden. Das Gebäude gehört der Stadt Görlitz; eine überzeugende Lösung für seine Zukunft bleibt eine Herausforderung.

Von außen wirkt die Alte Waage eher schlicht. Doch sie ist ein wichtiges Zeugnis der Görlitzer Stadtgeschichte. Besonders interessant sind die steinernen Köpfe und Figuren an den Säulen im Erdgeschoss. Sie erinnern an Menschen, die am Bau beteiligt waren oder mit der Waage zu tun hatten. So erzählt das Gebäude auch heute noch von der Zeit, als Handel und Warenverkehr den Wohlstand der Stadt mitprägten.

Auf dem Foto ist die Alte Waage das Gebäude links neben dem gelben Haus.

Mit seiner rostrot leuchtenden Fassade und den kunstvoll gestalteten Fensterrahmen zieht der Schönhof sofort die Blicke auf sich. Das prächtige Gebäude gehört zu den ältesten Renaissancebauten nördlich der Alpen und ist eines der architektonischen Schmuckstücke am Untermarkt.

Die Geschichte des Hauses reicht bis ins Mittelalter zurück. Schon damals war es ein bedeutender Wohn- und Geschäftsort wohlhabender Görlitzer Familien. Auch hochrangige Gäste, darunter Könige, fanden hier einst Unterkunft. Als der große Stadtbrand von 1525 das Gebäude schwer beschädigte, wurde der Schönhof ab 1526 unter der Leitung des Baumeisters Wendel Roskopf dem Älteren neu errichtet.

Besonders eindrucksvoll ist die reich gegliederte Fassade. Sandsteingerahmte Fenster, kunstvolle Verzierungen und der markante Erker machen den Schönhof zu einem echten Blickfang. Die Gestaltung wurde zum Vorbild für weitere Renaissancehäuser in Görlitz und zeigt, welchen Wohlstand die Stadt durch den Handel erlangt hatte.

Heute beherbergt der Schönhof das Schlesische Museum zu Görlitz. Bei einem Besuch lässt sich nicht nur die besondere Architektur bewundern: Auch im Inneren sind historische Raumstrukturen sowie Wand- und Deckenmalereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert erhalten. Der Schönhof verbindet damit auf eindrucksvolle Weise die Geschichte der Stadt mit ihrer heutigen kulturellen Bedeutung.

Georgsbrunnen auf dem Untermarkt in Görlitz mit steinerner Ritterfigur, umgeben von historischen Bürgerhäusern, Arkaden, Straßencafés und blühenden Pflanzen.

Mitten auf dem Untermarkt zieht ein barocker Brunnen die Blicke auf sich: der Neptunbrunnen. Die steinerne Figur stellt den römischen Meeresgott Neptun dar und steht seit 1756 an diesem Platz. Doch bei den Görlitzern ist er unter einem ganz anderen Namen bekannt: „Gabeljürgen“.

Der ungewöhnliche Spitzname geht auf Neptuns Dreizack zurück. Die Einheimischen hielten ihn offenbar für eine große Mist- oder Heugabel und tauften die Figur kurzerhand „Gabeljürgen“. Der Name klingt bis heute nach einem kleinen Scherz – und macht den Brunnen zu einer Besonderheit der Görlitzer Stadtgeschichte.

Geschaffen wurde die Sandsteinfigur vom Bildhauer und Steinmetz Johann Georg Mattausch nach einer Zeichnung des Freiberger Bergmanns Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier. Neptun steht erhöht am Rand des großen Brunnenbeckens. Wer genauer hinsieht, entdeckt zwischen seinen Füßen einen Fisch. Aus dessen Maul spritzt das Wasser zunächst in ein kleines Becken in Form eines menschlichen Kopfes. Aus dessen geöffnetem Mund fließt es schließlich weiter in das große Brunnenbecken.

Der heutige Brunnen hatte historische Vorgänger: An dieser Stelle befand sich früher ein sogenannter Röhrkasten, der mit Darstellungen der acht Tugenden geschmückt war. Später stand dort eine einfache Holzbütte, bevor der Neptunbrunnen das Bild des Untermarkts prägte.

Heute ist der „Gabeljürgen“ ein beliebter Blickfang zwischen den historischen Häusern und den Straßencafés. Wer am Brunnen vorbeikommt, sollte nicht nur die große Figur betrachten, sondern auch einen Blick auf das originelle Wasserspiel werfen.

Flüsterbogen am Untermarkt 22 in Görlitz mit kunstvoll verziertem spätgotischem Steinportal in einer gelben Hausfassade, daneben ein kleines Café und ein Restaurant mit Außensitzplätzen.

Am Untermarkt 22 befindet sich eine Sehenswürdigkeit, die man leicht übersehen könnte, wenn man nicht weiß, worauf man achten muss: der Flüsterbogen. Das kunstvoll verzierte spätgotische Portal stammt in seinen Ursprüngen aus der Zeit um 1500. Doch seine Besonderheit liegt nicht nur in seiner steinernen Schönheit, sondern auch in einem erstaunlichen akustischen Effekt.

Wer sich an eine Seite des Bogens stellt und leise in die Hohlkehle flüstert, kann erleben, wie die Worte auf der gegenüberliegenden Seite deutlich zu hören sind. Die besondere Form des Bogens bündelt und leitet die Schallwellen weiter. Am besten probiert man es zu zweit aus – möglichst dann, wenn es auf dem Untermarkt nicht allzu laut ist.

Auch die Verzierungen lohnen einen genaueren Blick. Über dem Durchgang finden sich kunstvolle steinerne Ornamente, darunter Kreuzblumen und weitere spätgotische Details. An den Seiten sitzen zwei kleine Figuren. Sie wirken beinahe so, als würden sie einander über den Bogen hinweg etwas zuflüstern. Man könnte sich fast vorstellen, dass sie heimliche Botschaften austauschen – eine romantische Vorstellung, die gut zu diesem ungewöhnlichen Ort passt.

Der Flüsterbogen gehört zum Eingang eines historischen Görlitzer Hallenhauses. Diese besonderen Kaufmannshäuser vereinten früher Wohnen, Handel und Lagerung unter einem Dach. Durch breite Eingangshallen konnten Waren mit Pferdewagen ins Haus gebracht werden. In den großen Hallen wurde gehandelt, gelagert und gearbeitet; die Wohnräume lagen in den oberen Geschossen. So erzählen die Görlitzer Hallenhäuser von der Zeit, als wohlhabende Kaufleute den Reichtum der Stadt prägten.

Der Flüsterbogen ist deshalb mehr als ein schönes Portal: Er verbindet kunstvolle Baugeschichte mit einem Erlebnis, das Besucher selbst ausprobieren können. Wer hier vorbeikommt, sollte kurz stehen bleiben, nach oben schauen und das Flüstern wagen.

Blick über den Untermarkt in Görlitz auf die historischen Bürgerhäuser mit ihren Arkaden, farbigen Fassaden und roten Ziegeldächern. Ein Radfahrer überquert den gepflasterten Platz.

An der Ostseite des Untermarkts, an der Ecke zur Neißstraße, steht der Braune Hirsch. Mit seiner hellen Fassade und den markanten Arkaden gehört das mächtige Eckhaus zu den auffälligen Gebäuden des Platzes. Die Bogengänge im Erdgeschoss werden Hirschlauben genannt und bilden einen reizvollen Übergang vom Untermarkt hinunter zur Neißstraße.

Der heutige Bau entstand 1722 unter der Leitung des Baumeisters Johann Christoph Pößner, nachdem ein Vorgängergebäude beim Stadtbrand von 1717 zerstört worden war. Über lange Zeit zählte der Braune Hirsch zu den vornehmsten Gasthöfen von Görlitz. Zu seinen berühmten Gästen soll auch Johann Wolfgang von Goethe gehört haben; außerdem stiegen hier hochrangige Persönlichkeiten aus Politik und Adel ab.

Hinter der historischen Fassade verbirgt sich ein weitläufiger Gebäudekomplex mit einer bewegten Vergangenheit. Seit den 1990er-Jahren steht das Haus weitgehend leer. Gerade dieser ungewöhnliche Zustand machte es für Filmteams interessant: Die Räume des Braunen Hirsches dienten als Kulisse für verschiedene Filmproduktionen, darunter Grand Budapest Hotel, Goethe! und Die Vermessung der Welt. Görlitz trägt deshalb nicht ohne Grund den Beinamen „Görliwood“.

Auch die Hirschlauben selbst sind sehenswert. Unter den Bögen finden sich eindrucksvolle Gewölbe, die einen Blick auf die ältere Baugeschichte des Hauses erlauben. Wer mehr vom Inneren entdecken möchte, sollte sich bei der Görlitz-Information erkundigen, ob Führungen angeboten werden.

Der Braune Hirsch ist damit weit mehr als ein schöner Blickfang am Untermarkt: Er verbindet die Geschichte eines traditionsreichen Gasthofs mit der besonderen Filmgeschichte der Stadt.

Fassade der Alten Ratsapotheke am Untermarkt in Görlitz mit rosafarbenen Fensterrahmen, kunstvollen Renaissanceverzierungen und historischen Sonnenuhren aus dem 16. Jahrhundert.

An der Nordseite des Untermarkts steht eines der bemerkenswertesten historischen Gebäude von Görlitz: die Alte Ratsapotheke. Ihre farbenprächtige Fassade und die kunstvollen Sonnenuhren machen sie zu einem echten Blickfang. Doch hinter dem schönen Äußeren verbirgt sich eine Geschichte, die Medizin, Mathematik und Astronomie miteinander verbindet.

Besonders faszinierend sind die beiden Sonnenuhren an der Fassade. Sie gehen auf die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück und wurden 1584 restauriert. Ihre Gestaltung ist weit mehr als ein dekorativer Schmuck: Die Uhren zeigen unterschiedliche historische Zeitsysteme und zeugen davon, wie intensiv sich Gelehrte damals mit der Berechnung und Darstellung der Zeit beschäftigten. Entworfen wurden sie von Zacharias Scultetus, dem Bruder des bekannten Görlitzer Astronomen und Bürgermeisters Bartholomäus Scultetus.

Auch die Architektur hält eine Überraschung bereit. Von der Seite des Untermarkts könnte man meinen, das Haus sei ein gewöhnliches Traufenhaus. Tatsächlich gehört es zu den typischen Görlitzer Hallenhäusern. Sein prächtiger Renaissancegiebel ist zur Peterstraße ausgerichtet und zeigt, wie aufwendig die wohlhabenden Kaufleute ihre Häuser gestalten ließen.

Die Ratsapotheke blickt zudem auf eine lange Tradition der Arzneimittelversorgung zurück. Im 19. Jahrhundert war sie mit dem Apotheker Adolf Ernst Struve verbunden, der ein Verfahren zur künstlichen Herstellung von Mineralwasser entwickelte. Deshalb ist das Gebäude auch unter dem Namen Struve-Apotheke bekannt.

Heute ist die historische Apotheke ein Ort des Genusses statt der Medizin: Im Erdgeschoss befindet sich das Ratscafé. Hier kann man bei Kaffee und Kuchen eine Pause einlegen und das Treiben auf dem Untermarkt beobachten. Wer sich die Sonnenuhren zuvor in Ruhe angesehen hat, entdeckt vielleicht beim nächsten Blick auf die Fassade noch ein weiteres Detail.

Der Untermarkt ist ein Platz, an dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Prächtige Bürgerhäuser, kunstvolle Fassaden, historische Arkaden und kleine architektonische Besonderheiten erzählen von der langen Geschichte Görlitz‘. Wer sich Zeit nimmt und genau hinsieht, entdeckt hinter jeder Ecke ein weiteres Detail. Und vielleicht lädt am Ende eines Rundgangs eines der gemütlichen Cafés dazu ein, die besondere Atmosphäre dieses historischen Platzes noch ein wenig länger zu genießen.

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